Widerspruch innerhalb der EU-Ziele

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Obschon es viele Prioritäten innerhalb der Europäischen Union gibt, sind die folgenden fünf Bereiche Schlüsselthemen: interregionale und grenzüberschreitende Mobilität, Gendergleichheit, sozialer Zusammenhalt, Fruchtbarkeit und Umweltschutz.
Ein zentraler Bereich, den die EU als hohe Priorität einstuft, ist der grenzüberschreitende Handel und der mobile Arbeitsmarkt. Die Einführung des Euro und die Aufhebung vieler politischer und ökonomischer Barrieren erhöht den Strom an Kapital wie auch an Menschen. Die Europäische Union geht davon aus, dass die Mobilität von Menschen und Ideen Innovation und Wirtschaftswachstum auslösen und die europäische Wettbewerbsfähigkeit stärken wird (European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions 2006). Mobilität ist ein Mittel, um gegenseitiges und interkulturelles Verständnis in der EU zu fördern und sozialen und regionalen Zusammenhalt zu stärken. Auf diese Weise könnte Mobilität europäische Integrationsprozesse beschleunigen und die weitere Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft in Europa verstärken. Andererseits gibt es empirische Nachweise, dass wachsende Mobilität die Bereitschaft zu Gemeinschafts- und ehrenamtlicher Arbeit verringern kann und hiermit das Einbringen in die Gemeinschaft sowie die Entwicklung von generationenübergreifenden Beziehungen innerhalb der Familien eingeschränkt werden.
Unter Berücksichtigung der weiteren Entwicklung der europäischen bürgerlichen Gesellschaft zeigt sich Mobilität als ein sehr ambivalentes Phänomen, da sie sowohl fördert als auch behindert. Mobilität ist auch für Europäer ambivalent. Mit Ausnahme von sehr jungen Hochschulabsolventen sind die meisten Europäer nicht willens, weit weg zu ziehen (Schneider und Meil 2010). Das ist eine Tatsache, die Politiker, Unternehmer und Planer anerkennen müssen.
Es bleibt unausgesprochen, aber größere räumliche Beweglichkeit verursacht größere Umweltverschmutzung. Kurzflüge – eine beliebte Art, Arbeitnehmer mit ihrem entfernten Arbeitsplatz zu verbinden, sei es für Wochenendpendler oder für kurze Geschäftsreisen – ist eine Hauptquelle für CO2-Emissionen. Lange Pendelfahrten in Privatfahrzeugen fordern auch ihren Tribut von der Umwelt, von Luft- und Wasserverschmutzung bis hin zu Lärmbelastung. in dem Maße wie die Mobilität in der Europa steigt, steigen auch die CO2-Werte – und damit entsteht ein klarer Widerspruch zwischen dem Schutz der Umwelt durch Emissionsreduzierung einerseits und der Förderung des Wirtschaftswachstums durch größere räumliche Mobilität. Mit steigenden Mobilitäten wächst auch die Dringlichkeit des Bedarfs an alternativen Energiequellen.
Moderne Gesetze und Anwendungen erfordern ein Bewusstsein und eine Verbesserung der genderbasierten Ungleichheiten. Gendergleichheit ist ein bislang nicht erfülltes, aber rechtlich unbestreitbares Ziel der Europäischen Union. Europäisches Gesetz basiert auf der Aufklärungsanschauung des gleichen Werts jedes Menschen, was Grund genug ist, dass Frauen in den bezahlten Arbeitsmarkt als vollständige Menschen integriert werden. Manche begründen den Vorteil der Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt mit dem Argument, dass es unter Männern nicht genug talentierte Arbeitskräfte gebe, so dass Frauen für den Arbeitsmarkt herangezogen werden sollten (Kalpagam 1985). Ein anderes Argument ist, dass die finanzielle Abhängigkeit der einen Hälfte der Bevölkerung von der anderen Hälfte im Falle von Arbeitslosigkeit, Missbrauch, Scheidung oder Tod zu einer unangemessenen Belastung der staatlichen Ressourcen führt. Letztendlich gibt es sowohl unter Männern als auch unter Frauen viele Talente, und diese Talente sollten nicht ignoriert werden aufgrund des Körpers, in dem sie sich befinden. Europa ist auf dem Weg zu Gendergleichheit in Bildung, Berufschancen und Führungsrollen und hat sich selbst in diesem Bereich Prioritäten gesetzt (EU 2009). Dennoch sind die Mobilitätschancen und die Entscheidungen von Männern und Frauen oft beeinflusst von historisch begründeten Überzeugungen und der Regierungspolitik in Bezug auf spezielle Mütterrollen im bezahlten Arbeitsmarkt. Eine Diskussion der Mobilität in Europa kann die genderbedingten Auswirkungen der familiären Pflegearbeiten auf die Mobilität ignorieren; insbesondere die Tatsache, dass primäre Pflegepersonen, typischerweise Frauen, weniger mobil sind (Bussemaker 1997; Ostner 1993).
Die meisten europäischen Länder haben über die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinweg einen starken Geburtenrückgang erfahren. In Ländern, in denen das Rentensystem auf dem Einkommen der arbeitenden Generation basiert und die von einem wachsenden internen Markt abhängig sind, bedeutet eine sinkende Geburtenrate einen wirtschaftlichen Rückgang. Die Länder gehen mit sinkenden Geburtenraten auf unterschiedliche Weise um. Aber nur wenige stellen sich die Frage, inwieweit der Druck für große berufliche Mobilität unter jungen Arbeitnehmern zu einem Aufschub und letztlichen Rückgang der Wahrscheinlichkeit, Kinder zu bekommen, führt.
Jedes Ziel Europas muss im Verhältnis zu den anderen Zielen betrachtet werden. Es wird eine Herausforderung für Europa sein, Mobilitätsforderungen, Gendergleichheit und Bedürfnisse der familiären Pflege miteinander zu vereinbaren. Diese Herausforderung ruft nach kreativen Lösungen. Es ist untragbar für den Kontinent und den Planeten, jedes individuelle Ziel ohne Berücksichtigung seiner Auswirkungen auf die anderen Ziele voranzutreiben. Kompromisse sind erforderlich.
Ich plädiere für eine Berücksichtigung der langfristigen Gesundheit des Individuums, der Familie und der Umwelt im Fokus von politischen Diskussionen und Lösungen, anstatt sich auf kurzfristige, kurzsichtige Forderungen nach einem Wirtschaftswachstum durch Mobilität zu verlassen, einer Mobilität, die innerhalb der Familien, zwischen den Kohorten und über die europäischen Gesellschaften hinweg in ungleichem Maße auf dem Rücken der Arbeitnehmer gewachsen ist.

Exerpted partly from: Hofmeister, Heather & Norbert Schneider. 2010. „Job Mobilities in Europe: Core Findings, Policy Implications and Future Outlook “ in Mobile Living across Europe, Volume II: Causes and Consequences of Job-Related Spatial Mobility in Cross-National Comparison. N. Schneider & B. Collet (Hg.). Barbara Budrich Verlag.

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