Welche Menschen heizen die neue Gegenreaktion an? Warum brauchen wir Grenzen für die Erwerbsarbeit?

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Eine Ergänzung meines Blogs über den neuen „Backlash“: warum wir Work-Life-Forschung und –Maßnahmen verteidigen müssens, aus meiner Präsentation auf der Konferenz „6th International Community, Work and Family Conference in Malmö, Schweden vom 19.-22. Mai 2015“. Diese Präsentation und der Blog wurden inspiriert von meiner Antwort auf Thomas Vaseks Buch „Work-Life Bullshit“, das wir auf einer CLBO-Veranstaltung im Juli 2014 diskutierten.
Welche Art Mensch fühlt sich angesprochen von der Behauptung, dass Work-Life-Initiativen – Verzeihung – „bullshit“ sind?
Zwei Arten von Menschen:

  1. Menschen, die ihre Arbeit bereits lieben und sich von ihr getragen fühlen, für die ihre Arbeit eine Quelle für Freundschaften, Identität und persönliches Wachstum bedeutet. Diese Menschen haben wahrscheinlich jede Menge Möglichkeiten, für sich selbst zu entscheiden, wann, wo und wie sie arbeiten, und falls nicht, dann sind jedenfalls die Bedingungen bereits gut. Warum sollten wir eine gute Sache einschränken? Diese Frage werde ich gleich beantworten.
  2. Menschen, die auf der Arbeit das Sagen haben, sich aber zerrissen fühlen von den Widersprüchlichkeiten des idealen Arbeitnehmer/Fürsorger-Modells auf der einen Seite und den Realitäten des Lebens ihrer Befürworter auf der anderen Seite. Das könnten zum Beispiel Manager und Führungskräfte sein, die die Nase voll haben von Work-Life-Konzepten, weil diese dem „Real Business“ im Wege stehen und mehr Druck für diejenigen schaffen, die von den Work-Life-Initiativen nicht betroffen sind (erste Form des „Backlash“, gegen einzelne Kolleginnen und Kollegen gerichtet, die die Work-Life-Initiativen für sich nutzen). Es könnten auch Chefs sein, die keine Vorstellung davon haben, wie es sein kann für Menschen, die nicht über das Einkommen, die Macht und die Lösungen für den Idealer-Arbeitnehmer/Fürsorger-Zwiespalt verfügen, die durch dieses Einkommen und diese Macht erst ermöglicht werden.

Warum sollten wir einer guten Sache Grenzen setzen, wenn unsere Arbeit gut ist? Der Hintergrund der ganzen Geschichte des Backlash ist nicht nur die Art und Weise, wie die Strukturen der Arbeit, die anderen Menschen auf der Arbeit oder die Kulturen innerhalb der Organisationen die Arbeit für die Menschen unangenehm machen könnten, sondern es geht auch darum, wie wir die Arbeit für uns selbst durch Selbstausbeutung unangenehm machen. Und es geht um die Frage, ob wir bei der Arbeit vor uns selbst geschützt werden müssen.
Leider ist Arbeit nunmal nicht immer gut. Schmutzige, bedrückende, erschöpfende, erniedrigende Jobs existieren leider; Jobs, die Körper, Geist und Seele strapazieren. Die geographische Region, die Fähigkeiten, der Markt, die finanzielle Notlage, die Verantwortlichkeit, Geld zu beschaffen, um andere Menschen zu unterhalten – es gibt eine Menge Gründe, die die Wahl der Arbeit einschränken. Einige Kollegen sind Gift. Einige Chefs sind narzissistisch. Manchmal finden wir uns auf der Arbeit in einer Zwickmühle wieder. Manchmal ist es zuviel des Guten und wir verlieren die Perspektive oder sogar den Wunsch zu arbeiten.
Dies sind gute Gründe, um der Arbeit Grenzen zu setzen. Wenn Führungskräfte, Chefs oder Manager nicht in der Lage sind, diese Grenzen zu setzen, oder wir selbst nicht in der Lage dazu sind, brauchen wir Richtlinien/Maßnahmen, die uns schützen. Gewerkschaften kämpften hart für die Kürzung der Arbeitstage, indem sie Arbeiter vertraten, deren Arbeitsbedingungen weit entfernt von angenehm waren. Unangenehme oder erniedrigende oder stressige Arbeitsbedingungen von unserem „Leben“ zu trennen, kann unsere Identität, unser Selbstwertgefühl sowie unseren Stolz schützen. Die Trennung kann unsere Beziehungen schützen, indem sie uns erlaubt, diesen unsere volle und ungeteilte Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Auch “gute” Jobs benötigen Einschränkungen. Auch Menschen, die gerne die Arbeit in ihr Leben integrieren, weil ihre Identität, ihr Sendungsbewusstsein und ihr Erfolgsgefühl durch ihre Arbeit und ihre täglichen Aufgaben gestärkt werden, müssen Grenzen setzen, um sicherzustellen, dass andere Bereiche des Lebens nicht zu kurz kommen.

Das Leben besteht aus Zyklen. Menschliche Arbeit muss auch aus Zyklen bestehen. Die Vorstellung von regelmäßiger, rationaler, logischer, ununterbrochener Arbeit bei voller Kraft kommt von den Maschinen – so lange sie Treibstoff haben, werden sie weiterlaufen. Wir sind keine Maschinen. Wir sind organisch. Unsere Körper, so wie die Erde selbst, durchlaufen Jahreszeiten und Gezeiten des Energieflusses. Wir benötigen Schlaf, Nahrung, Ruhepausen, Zeiten, in denen unser Hirn alternativen Strömungen von Tagträumen und Ablenkung folgt. Diese Unterbrechungen erfüllen wichtige kognitive, emotionale und biologische Funktionen. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr brauchen wir unterschiedliche Arten von Ruhemomenten. Schon alleine aus einer biologischen Perspektive – ganz zu schweigen von psychologischen oder spirituellen Perspektiven. Wir sind keine Maschinen. Viele leiden unter Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen, oft verursacht durch Computerarbeit. Abhilfemaßnahmen sind wohlbekannt: machen Sie Pausen, bewegen Sie sich. Korrigieren Sie Ihre Haltung. Wenn wir die Arbeit für Ruhepausen unterbrechen, sind wir in der Lage, in besserer Verfassung zu ihr zurückzukehren. Wir können dann weiterarbeiten. Machen Sie eine Pause und Sie werden sich erholt fühlen!
Neben der Fähigkeit, Arbeitsleistung zu erhalten, können Pausen die Arbeitsleistung sogar verbessern. Die Pausen zwischen den Noten sind es, die die Musik großartig machen. In ähnlicher Weise sind die Unterbrechungen zwischen den Arbeitsschüben die Zeiten, in denen neue Ideen entstehen. Viele Menschen stellen fest, dass ihre besten Ideen oder Lösungen in der Dusche, beim Spazierengehen, im Wald, beim Kochen, Gärtnern, Autofahren entstehen, dann, wenn sie nicht aktiv über die betreffende Situation nachdenken. So sind wir gestrickt! Das ist einer der Gründe, warm Work-Life wertvoll ist. Wenn wir uns von der Arbeit entfernen, sind wir hinterher in der Lage, mehr wieder in die Arbeit zurückzutragen.

Ein anderer Grund, warum wir die Arbeit, auch wenn sie eine gute Sache ist, eingrenzen müssen, ist, dass es gefährlich ist, es nicht zu tun. Mark Twain hat einmal gesagt: “Put all your eggs in one basket and then WATCH THAT BASKET.” = „setze alles auf ein Pferd und BEOBACHTE DANN DIESES PFERD.“ Ich liebe Mark Twains Schriften, aber ich stimme ihm hier nicht zu. Wenn Arbeit alles ist, was wir haben, wenn sie unsere ganze Identität ausmacht, was passiert, wenn unsere Arbeit endet, aufgrund von Kündigung, Krankheit oder Pensionierung? Wenn unsere Arbeit unsere Identität ist, etwas, das wir ganz und gar sind, was bleibt uns, wenn sie weg ist? Unsere Identität muss über alle unsere Rollen und Status hinausgehen. Wenn nicht, wer sind wir dann, wenn unsere Kinder erwachsen werden oder unser Partner uns verlässt oder stirbt, oder wenn wir unseren Job verlieren?
Jeder Job, jede Beziehung, jedes Projekt, jede Identität, seien sie noch so spannend und aufregend, braucht Raum zum Atmen. Jedes hat seine eigenen Zyklen, Zeiten, zu denen es nicht so gut läuft. Die ständige Höchstleistung, die wir von uns selbst, unseren Beziehungen und unserer Arbeit fordern, ist nicht nur unrealistisch, sondern auch kontraproduktiv. Tun Sie eine Weile etwas anderes, und lassen Sie diesen Bereich des Lebens an seinem neuen Platz ankommen. Zyklen finden sich überall. Die Tiefpunkte des einen Lebensbereiches, zum Beispiel ein schlechter Tag (oder ein Jahr) auf der Arbeit, können durch Höhepunkte in anderen Lebensbereichen ausgeglichen werden, wie zum Beispiel eine Unterhaltung mit einem guten Freund oder ein Sendungsbewusstsein für eine Leidenschaft, eine Chance, Musik zu machen, eine Gelegenheit, eine Familienbeziehung zu vertiefen oder sich um andere Menschen zu kümmern. Und umgekehrt. Die Arbeit kann der sichere, stabile Ort sein, während anderswo Beziehungen auseinanderfallen. Alles hat seine eigenen Zyklen, und mehrere Lebensbereiche zu haben hilft uns, in dunklen Zeiten oben zu bleiben.

Und schließlich noch ein Grund, warum selbst die lohnendste Arbeit ein oder zwei Gegengewichte braucht: Unserer innerer Kern, der über Bezeichnungen, Titel, Verantwortlichkeiten und Rollen hinausgeht, fordert und braucht Nahrung. Wir sind mehr als die Summe der Aufgaben, die wir erfüllen, oder der Ideen, die wir hervorbringen.
Wenn wir den Kontakt mit unserem Selbstgefühl jenseits unserer Rollen und Verantwortlichkeiten verlieren, laufen wir Gefahr, zur Projektionsfläche für alle anderen zu werden. Wir mühen uns ab, ihre Forderungen und Bedürfnisse zu erfüllen, und bleiben zuletzt leer zurück. Das authentische Selbst kommt nicht nur von authentischer Arbeit, in Übereinstimmung mit unseren Wertvorstellungen, sondern auch durch authentische Verbindung mit allem, was wir bereits sind, was wir seit Geburt an als Kern unseres Selbst in uns tragen; der Mensch, der wir außerhalb unserer Aktivitäten sind. Mit diesem Menschen, unserem inneren Kern, wieder in Kontakt zu kommen, braucht Zeit und Ruhe. Beobachtung, Geduld. Frei von Beurteilung, ob es produktiv, gut oder schlecht ist.

Konferenz: „6th International Community, Work and Family Conference: Malmö, Schweden 1.-22. Mai 2015“
Präsentation auf der Konferenz: 2015-05-20 Work-Life Backlash-online

Zitierte Literatur

  • Becker, Tobias. (2013). Sachbuch „Work-Life-Bullshit“: Die Mär vom glücklichen Malocher. Speigel Online Kultur, October 9. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/das-buch-von-thomas-vasek-work-life-bullshit-a-926733.html. Last accessed 19. April 2015.
  • Friedman, Stew. (2008). Total Leadership: Be a better leader, have a richer life. Boston: Harvard Business Press.
  • Parker, L., & Allen, T. D. (2001). Work/family benefits: Variables related to employees‘ fairness perceptions. Journal of Vocational Behavior, 58, 453-468.
  • Vašek, Thomas. (2013). Work-Life-Bullshit. Warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt. Munich: Riemann Verlag.
  • Williams, Joan. (2000). Unbending Gender: Why work and Family Conflict and What we Can Do About It. Oxford University Press.
  • Young, M. B. (1999). Work-family backlash: Begging the question, what’s fair? The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science, 562, 32-46.

Weitere Quellen zum Thema Work-Life Backlash (Bitte beachten: einige verteidigen die Idee der Arbeit-Familie-Integration / Gleichgewicht / Optimierung)

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