Trauben und Abschlüsse: Der Wert wird manchmal erst später deutlich

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Die Trauben sind reif und gestern habe ich die besonders reifen Trauben abgeschnitten und mit hinauf in mein Appartement genommen. Heute abend nach der Arbeit fiel mir ein wunderschöner Mondhimmel auf und ich trat hinaus auf meinen Balkon – und direkt in meine Traubenschüssel. Okay, Semesteranfang oder nicht, ich sollte wohl besser meine Trauben verarbeiten. Also begab ich mich ins Internet und fand auch gleich ein Rezept, in dem auf einfache Weise beschrieben wurde, wie man das Traubenfleisch von der Schale trennt, in dem man das Fruchtfleisch aus der Schale herausspringen lässt und das eine in die eine Schüssel und das andere in eine andere gibt.
Okay.
Eine Stunde später bin ich immer noch damit beschäftigt und ich frage mich: „warum habe ich das bloss angefangen? Es ist doch eine Menge Arbeit!“
Dann schaltete ich den Herd an.
In weniger als 10 Minuten hatte sich das Aroma kochender Trauben in meiner Küche ausgebreitet. Ahh, darum mache ich das. Es riecht SO gut. Es schmeckt SO gut. Es ist einfach himmlich, selbst eingemachte Trauben zu haben. All dieses Traubenzerteilen bringt mich gedanklich zu dem Vermächtsnis von Menschen und Trauben, Griechen und Römern und darüber hinaus nach Mesopotamien. Trauben sind seid jeher Teil der menschlichen Geschichte gewesen und jetzt finden sie sich zerdrückt zwischen meinen Fingern wieder: duftende, samengefüllte Trauben. Nicht die getrockneten aus dem Supermarkt. Reiche, gehaltvolle, dunkle, gemischte Weinreben. Respekt.

In Gedanken zieht mein Arbeitstag an mir vorbei. Es ist der Beginn des Semesters. Oft kann sich das anfühlen wie ein endloses den Hügel Hinaufrollen von Steinen, bis endlich alle angemeldet, informatiert und einbezogen sind.
Ich weiß, auch für die Studierenden ist es schwer, sich zu orientieren und integrieren, die Aufgaben, die Literatur, den Stundenplan zu erfassen, neben all den anderen Aspekten des Lebens, die auch irgendwie untergebracht werden müssen. Wozu das alles?

Das hier ist der Grund. Oder einer der Gründe zumindest.
Eine Studentin kam heute in mein Büro. Sie war vorher bereits einmal bei mir gewesen, um ihre mündliche Abschlussprüfung in ihrem Fach zu besprechen. Heute war der Tag der Prüfung. Deutsche Studierende müssen eine ganze Reihe von mündlichen Abschlussprüfungen ablegen, insbesondere Lehramtsstudierende. Sie war eine von ihnen. Sie legte eine erstklassige Prüfung ab und bekam eine tolle Note. Am Ende fragten der Beisitzer und ich sie, wie viele Prüfungen noch vor ihr lägen.
„Diese war die letzte.“
Man sah deutlich, wie diese Erkenntnis einsank.
Diese war die letzte.
Ende des Studiums! Man konnte ihre Gedanken in ihrem Gesicht ablesen: „ich habe es wirklich hinter mir? Das ging so schnell! Teilweise war es schwierig. Aber am Ende ist es so gut!”
Sie brach in Tränen aus.
Ich war so überwältigt von den Emotionen im Raum, dass mir ebenfalls die Tränen kamen.
Ihr großartiger Abschluss war ein wahrhaftiger Erfolg, was den Moment umso beglückender machte.
Es liegt etwas besonders Ergreifendes und Wunderbares in diesem Augenblick des „ich habe zu Ende gebracht, was ich begonnen habe.“ Und wenn einem dazu noch das Gefühl sagt „ich habe das Beste gegeben und es war mehr als genug,“ nun, dann ist das umso schöner in diesem Moment.
Süß.
Wie frisch gekochte Trauben.
Den Einsatz wert. Zweifellos.

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