Verlorener Ernte einen Sinn geben

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Bevor in ich Urlaub fuhr, konservierte ich die Ernte dieses Sommers sorgfältig in der Tiefkühlung . Ich verbrachte Stunden mit dem Pflücken und Entsteinen von Kirschen, Stunden mit dem Sammeln von Himbeeren und Stachelbeeren (die Stachelbeersträucher benehmen sich wie gereizte Katzen, wenn man versucht, ihnen ihre Beeren abzunehmen, und ich werde oft nach dem Sammeln von Beeren gefragt, „haben Sie am Wochenende Ihre Katze gebadet?“, da meine Arme danach aussehen). Kurz gesagt, es war Arbeit. Aber ich hatte keine Zeit fürs Einmachen und – ehrlich gesagt – ich hielt die Tiefkühlung für eine großartige Lösung. Warum auch nicht? Ich kann die Früchte verarbeiten zu Fruchtshakes oder Joghurt oder ich kann Marmelade daraus machen … später. Ja, später. Eines fernen Tages, wenn ich dazu kommen werde, alle die Dinge zu tun, die ich für gute Einfälle halte … eines Tages (Sie haben solche Dinge nicht zu tun, oder? Ihre Ideen werden immer sofort umgesetzt, nicht wahr? Ihre Garage, Ihr Keller, Ihr Büro zuhause sind in perfektem Zustand, nicht wahr? Und es gibt nicht einen einzigen abgelaufenen Wertgutschein in Ihrem Haus, Ihrer Tasche oder Ihrem Auto, stimmt’s? Oder sind Sie auch menschliche Wesen?).

Alles war genauestens in Gefrierbeuteln abgepackt und beschriftet und ich verabschiedete mich für einen Monat. Nachbarn würden sich um den Balkon kümmern und ein Auge auf alles weitere haben, daher verschwendete ich keinen weiteren Gedanken auf mein Zuhause.

Aber auf manche Dinge kann niemand ein Auge halten, sie sind von außen nicht sichtbar. Man muss sie leben und erleben, nicht nur „sehen“.
Ich kehrte nach einem Monat Abwesenheit an einem sonnigen Donnerstagnachmittag nach Hause zurück und wurde begrüßt durch einen seltsamen, fauligen Geruch.
Eine kurze Nachforschung ergab, dass es während meiner Abwesenheit einen Stromausfall gegeben hatte. Offensichtlich hatte es einen Sturm gegeben. Meine Damen und Herren, es gibt einen guten Grund, warum unsere Vorfahren sich zur Konservierung ihrer Ernte auf das Einmachen verließen anstatt auf die Elektrizität. Meine Ernte war ZERSTÖRT. Einiges war gegoren, anderes war nur noch eine Flüssigkeit, auf der einzelne Fruchtkörper schwammen. Nichts hiervon würde tragischerweise mehr irgendeinen Menschen nähren.
Ich brauchte drei Stunden, um die flüssige Sauerei aus dem Tiefkühlschrank zu entfernen. All die Fülle der dreimonatigen Vegetationsphase war in einem einzigen Sturm vernichtet worden. Verglichen mit dem Los von Landwirten hatte ich es leicht. Aber das, was mir gehört hatte, war weg, und ich spürte den Verlust.

Und geschieht das nicht oft so, zuhause oder in Beziehungen, oder auf der Arbeit, dass wir etwas tun, nur um es zu verlieren und wieder von vorne anzufangen. Ob es sich um einfache Arbeiten wie Kochen oder Bügeln handelt oder um aufwendigere wie das Anstreichen eines Zimmers oder das Anlegen eines Gartens, das Leben – unser eigenes Leben als Menschen und die lebendige Natur dieses Planeten – stellt uns täglich vor Aufgaben, die uns sinnlos erscheinen, weil wir sie wieder und wieder von Neuem erledigen müssen.
Ein undichtes Dach, ein Sturm, eine Überschwemmung, das Leben als solches, Entscheidungen anderer Menschen, und plötzlich oder allmählich verschwindet das Ergebnis unserer Arbeit, unsere Ernte ist verloren. Das ist die Natur der Dinge.

Aber nichts ist vergebens, wenn wir bereit sind, das, was es uns bietet, anzunehmen anstatt über das zu trauen, was es uns nicht gegeben hat.

Aus dem Erlebnis, dass meine Tiefkühlung mich im Stich gelassen hat, habe ich folgendes gelernt:
ich kann versuchen, Dinge für die Zukunft aufzuheben, aber das Jetzt ist alles, was ich sicher habe. Die Zukunft kann so werden, wie ich es mir vorstelle, muss es aber nicht. Wenn es nicht so kommt, kann ich nur weiter vorangehen von dem Punkt, wo ich mich befinde und mit dem Wissen, das mir jetzt zur Verfügung steht. Arbeit zu verrichten lehrt uns etwas, ohne Ausnahme, wenn wir bereit sind zu lernen.

Wie können wir diese Gedanken auf aktuelle Projekte anwenden? Wie oft erarbeiten wir ein Konzept, schreiben Texte, bewerben uns für Programme oder Zuschüsse, bereiten Projektanträge vor und es führt zu nichts? Das Projekt wurde gestoppt, der Zuschuss abgelehnt, der Chef wechselt und der neue ist an den alten Plänen nicht interessiert. Welchen Sinn können wir aus der „Fruchtlosigkeit“ (Wortspiel beabsichtigt) unserer Bemühungen im Leben ableiten?
Ich sehe es so: wir haben durch unser Tun etwas gelernt, wir sind daran gewachsen und habe darin investiert. Es kommt nicht darauf an, dass dies zum erwünschen Ergebnis führt oder nicht. Selbst wenn der einzige Lernerfolg darin besteht festzustellen, dass „ich es absolut schrecklich finde, so etwas zu tun, und das nie wieder machen möchte“, dann ist auch das ein wichtiger Lerneffekt.
Im Falle eines Projektes erwerben wir neue Fähigkeiten und lernen neue Dinge. Im Fall meiner Ernte lernte ich, dass ich Kirschbäume hinaufklettern und Früchte entkernen genießen kann. Sie sind wunderschön. Kirschen zu entsteinen war für mich wie mit Kunst umgehen. Es stimmt, dass niemand sie jemals essen wird. Aber das war offensichtlich auch nicht der Grund, warum sie auf dem Baum gewachsen sind. Dies war nicht ihre aristotelische „Finalursache“ in diesem Jahr. Ihre „Finalursache“ war es, mich in Bewegung zu halten dadurch, dass ich sie aus einem Baum herunterholen musste, und mir eine Lektion zu erteilen im Loslassen von dem, was nicht sein wird, und dem Annehmen von dem, was ist – und mir die Chance zu geben, die Erkenntnis in einem inspirierenden Blog weiterzugeben und damit auf alle Zeit im Internet zu verewigen. Nicht schlecht für ein Pfund Kirschen!
Und was den Nährwert der verlorenen Kirschen betrifft: wir werden alle auf andere Weise genährt werden, wir, die wir die Kirschen vielleicht gegessen hätten, wenn sie den Sommer überstanden hätten.

Ich machte weiter, indem ich nach dem Aufräumen und Säubern meinen Garten aufsuchte. An der leeren Tafel zu erscheinen ist bereits die halbe Miete, wenn nicht mehr. Ich hatte meinen Garten seit einem Monat nicht mehr gesehen. Ich fürchtete das Unkraut und die Schäden der heißen Sonne, aber ich war auch gespannt darauf, was während meiner Abwesenheit passiert war und wie sich die Dinge ohne mein Eingreifen entwickelt hatten.
Ich wurde begrüßt von – einer neuen Ernte. Pflaumen, Mirabellen, Äpfel und Himbeeren. Leben und Überfluss. Ohne mein Eingreifen und meine Kontrolle. Wer hätte das gedacht? Manchmal ist es das Beste, die Dinge eine Weile ganz in Ruhe zu lassen.
Jetzt nehme ich mir die Zeit, die Früchte einzuwecken, so wie unsere Vorfahren es taten. Wenn die Natur mir ihre Früchte gibt, dann ist das Mindeste, das ich tun kann, diese Fülle durch respektvolle Verarbeitung zu ehren. Wenn mir das wichtig ist, dann werde ich mir die Zeit dafür nehmen.
In meinem Ofen kocht gerade Pflaumenmus. Die Ernte ist nicht umsonst, niemals. Es sieht nur anders aus und schmeckt anders als wir erwartet hatten.

 

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