Eine Frau braucht ein Fahrrad wie ein Fisch das Wasser

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Es gibt eine deutsche Redewendung die lautet: „Eine Frau braucht einen Mann so dringend wie ein Fisch ein Fahrrad.“ Dieser Satz kam mir mehr als einmal in den Sinn, als ich am Dienstagabend einem Vortrag einer Kollegin über „Die Geschichte von Frauen und Fahrrädern“ zuhörte.
Halten Sie einen Moment inne. Haben Sie jemals über die Geschichte von Frauen und Fahrrädern nachgedacht? Ich auch nicht.
Dabei ist es eine tiefgreifende und interessante Geschichte. Vor der Zeit des Fahrrads waren die Haupttransmittel Pferdekutschen und Zufußgehen. Frauen der oberen und mittleren Klassen in Europa durften sich damals nicht frei zu Fuß bewegen und sie benötigten meist die Erlaubnis des männlichen Hausvorstands, um einen Wagen oder ein Pferd zu benutzen. Das Fahrrad war schließlich eine der Schlüsselerfindungen zur Befreiung der Frauen – zunächst für die Oberklasse und dann, mit sinkenden Produktionskosten und damit besserer Erschwinglichkeit, für jeden – insbesondere für Stadtbewohner, für die Besitz, Pflege und Unterhalt eines Pferdes unmöglich waren.
Das Fahrrad in seiner frühen Form half den Frauen nicht sehr, da das Aufsteigen – mit jenen riesigen Vorderrädern und den winzigen Hinterrädern – kompliziert und gefährlich war, da man dabei die Beine herumwerfen musste. Da eine Frau ihre Beine nicht zeigen durfte, konnte sie kein Fahrrad besteigen. Das erinnert mich an das Chemiegebäude der Rice University in Houston Texas, das um 1914 gebaut wurde und keine „erste Stufe“ hatte – die Stufen, die in das Gebäude führten, erforderten einen ersten riesigen Schritt, etwa zwei Stufen hoch: Sinn und Zweck? Frauen aus dem Chemiegebäude auszuschließen, da sie ihre Fußgelenke nicht zeigen durften. Wie weit wir doch gekommen sind. Das Chemiegebäude bekam mit der Zeit eine richtige „erste Stufe“ und Frauen zeigen ihre Fußgelenke regelmäßig. Aber ich schweife ab.
Frauen der Oberklasse schafften einen heiß umkämpften Markt für Fahrräder, zunächst Dreirad-ähnliche Verhikel mit einem Sitz zwischen zwei Rädern. Später erfand man zweirädrige Fahrräder für Frauen – mit einem Gewicht von bis zu 50 kg – mit einer niedrig angesetzten Querstange in der Mitte, so dass diese mit Röcken benutzt werden konnten und die Beine unsichtbar blieben. Es gab Vorrichtungen an den Fahrrädern, wie metallene Seitenschienen, um die Beine der Frauen vor neugierigen Blicken zu schützen. Das machte das Fahrrad schwer, aber zumindest gehörte die Frau damit nicht in die Kategorie der „leichten Mädchen“.
Frauen fühlten sich von Fahrrädern angezogen wie Fische zum Wasser, da dies ihnen Freiheit schenkte. Sie wurden wegen des Radfahrens belästigt, Passanten bewarfen sie mit Schmutz und Schlimmerem, aber sie fuhren trotzdem. Einen 50 Kilogramm schweren Klotz aus Holz und Stahl zu bewegen, und das auf steinigen Straßen und in Korsetts und bis zu sieben Petticoats gekleidet, wird nicht leicht gewesen sein. Ärzte jener Zeit glaubten, dass das Fahrradfahren zu Sterilität bei Frauen führen würde, da zu viel Blut an zu viele falsche Stellen fließen würde. Eine Unzahl an Begründungen wurde erfunden, warum Frauen nicht radfahren sollten. Trotzdem wuchs der Markt derart, dass in manchen städtischen Bereichen die Verkaufszahlen von Fahrrädern für Frauen viermal so hoch waren wie die für Männer. Susan B. Anthony soll 1896 gesagt haben: “Ich glaube, [das Fahrrad] hat mehr für die Befreiung der Frauen getan als irgend etwas anderes in der Welt. Es gibt einer Frau das Gefühl von Freiheit und Selbständigkeit. In dem Augenblick, in dem sie ein Fahrrad besteigt, weiß sie, dass ihr nichts passieren kann, bis sie wieder absteigt; und so fährt sie los, die Verkörperung freien, unbehinderten Frauseins.“
Susan B. Anthony (1896): “Ich glaube, [das Fahrrad] hat mehr für die Befreiung der Frauen getan als irgend etwas anderes in der Welt. Es gibt einer Frau das Gefühl von Freiheit und Selbständigkeit. In dem Augenblick, in dem sie ein Fahrrad besteigt, weiß sie, dass ihr nichts passieren kann, bis sie wieder absteigt; und so fährt sie los, die Verkörperung freien, unbehinderten Frauseins.“ Die Freiheit und die Sicherheit, die das Fahrrad bis heute Frauen bietet, ist etwas, das wir in der Gruppe diskutierten und das ich selber heute abend erfahren habe. Ab einer bestimmten Tageszeit sind die Städte voll mit Männern und Paaren, aber eine Frau, die alleine unterwegs ist, ist ein seltener Anblick. Eine Frau auf einem Fahrrad verfügt über ein Maß an Beweglichkeit, Geschwindigkeit und Licht – die Straßen sind besser beleuchtet als die Gehwege – das ihr die Möglichkeit gibt, zu Zeiten unterwegs zu sein, bei denen eine Frau zu Fuß es sich vielleicht gut überlegen würde. Ich selbst war heute abend bei Freunden in der Stadt zu Besuch bis etwa 11 Uhr nachts. Ich hatte mein Fahrrad in der U-Bahn mitgebracht und konnte dann von unserem Treffpunkt bis zur U-Bahn-Station fahren, ohne mir Gedanken über meine Sicherheit machen zu müssen. Einige farbenfrohe Gestalten stiegen mit mir an meiner U-Bahnhaltestelle aus, und auch hier war ich froh, auf mein Fahrrad steigen und wie der Wind nach Hause radeln zu können. Kein Gedanke daran, dass ein einzelner Fußgänger oder auch eine Gruppe von ihnen in der Lage sein könnte, mich einzuholen. Danke, liebes Fahrrad, und danke an Generationen von Frauen im vergangenen Jahrhundert, die Verachtung und Angriffen trotzten und uns damit den Weg ebneten, um heute aufsitzen und losradeln zu können.

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