Ein offener Brief an den leitenden Wissenschaftler der Konferenz oder wann wird der Sexismus ein Ende haben? Mit Ihnen!

Post in: Englisch

Lieber Leitender Wissenschaftler,

Sie haben einen Vortrag gehalten und dieser war wichtig für meine Forschung. Daher sprach ich Sie beim Kaffee an, beglückwünschte Sie zu Ihrer Arbeit und fragte, ob wir später beim Dinner zusammensitzen könnten, um mehr über das Thema sprechen zu können. Selbstverständlich, antworteten Sie, „Sie sind leicht zu finden“. Ich, verwirrt: „wegen meines Huts?“ Sie, „da gibt es andere Merkmale.“ Hm. Okay.

Beim Konferenzdinner fanden wir uns und setzten uns nebeneinander. Jedesmal wenn ich versuchte, das Gespräch auf das Forschungsthema zu leiten, bemerkten Sie, Sie könnten sich „nicht konzentrieren, weil Sie neben mir sitzen. Wann werden wir heiraten?“ Sie strichen mit Ihren Fingern meine Schulter. Sie kommentierten laut meine Art, die Haare hinter das Ohr zu streichen und meinten, Sie wüssten, was das bedeute und Sie würden dies mögen. Ich fragte, was Sie damit meinten. „Eine Frau entblößt ihren Hals, damit sie geküsst wird, indem sie die Haare hinters Ohr streicht.“

Es wurde für mich zusehends schwieriger, mit der Situation umzugehen, ohne grob zu werden. Ich ignorierte augenverdrehend Ihre Kommentare – in dem Versuch des Balanceakts zwischen offener Ablehnung mit der Folge, dass wir garnicht mehr über die Forschung würden sprechen können, einerseits und einer implizierten Annahme der Avancen andererseits, was unprofessionell und unangebracht gewesen wäre.

Habe ich erwähnt, dass es sich um eine wissenschaftliche Konferenz handelte, dass wir umgeben waren von internationalen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, dass Sie ein führender und in diesen Kreisen sehr geschätzter Wissenschaftler sind, dass Sie einen Einführungsvortrag auf dieser Konferenz gehalten haben und dass ich mit allen Mitteln versuchte, ein professionelles Gespräch mit Ihnen zu führen? Aufgrund der Tatsache, dass wir saßen und von Kolleginnen und Kollegen umgeben waren, und dass es sich um ein mehrgängiges Dinner mit Reden und Preisverleihungen zwischen den Gängen handelte, hatte ich das Gefühl festzustecken, und ich fragte mich, wann wir zum Forschungsthema kommen würden.

Eine Nachzüglerin setzte sich neben Sie und Sie erzählten ihr prompt, ich sei Ihre Tochter und aus Spanien. Sie sieht mich verwirrt an und ich schüttele den Kopf. Sie necken sie, aber ihr Ehemann sitzt gegenüber, daher bleiben die Kommentare einigermaßen im Rahmen. Ich nutze ihre Gegenwart als Schutzschild gegen einige Dinge, die aus Ihrem Mund kommen. Zum Dinner wird Spargel serviert. Ich schneide die Spitzen ab und Sie machen eine sexuelle Anspielung, zu leise für die Ohren meiner neuen Verbündeten. Sie fragen, wo wir in diesem Jahr unseren gemeinsamen Urlaub verbringen werden. Ich schließe daraus, dass Sie nicht die Absicht haben, mit mir über Ihre Forschung zu reden.

Wenn wir in einer Bar wären, dann könnte man Ihren Flirt als extrem, aber vielleicht lustig und scherzhaft bezeichnen. Das sind wir aber nicht. Wir sind in einer professionellen Arbeitsumgebung, wo ich versuche zu arbeiten: Netzwerke knüpfen, lernen, gemeinsam Ideen entwickeln.

Das hier ist für mich bei Ihrem „Spaß“ und Ihren Spielchen herausgekommen, Herr Prof. Leitender Wissenschaftler:

  1. Sie blockierten meine Versuche des wissenschaftlichen Austauschs mit Ihnen und blockierten damit meine Chance, das Konferenzdinner für weitere Netzwerkchancen zu nutzen.
  2. Sie legten mich fest – auf jeden Fall in Ihrer Vorstellung – auf eine Rolle als Sexobjekt, wodurch Sie meine intellektuellen Fähigkeiten und darüber hinaus mein Ansehen als ordentliche Professorin in ihrer zweiten Professur ignorierten und leugneten.
  3. Sie brachten andere Teilnehmer der Konferenz, die sahen, wie wir miteinander sprachen und wie Sie mich dabei berührten, dazu, mich ebenfalls für jemanden zu halten, der irgendwie Ihnen gehörte, oder für ein Objekt, das man berühren darf, wodurch mein professionelles Ansehen untergraben wurde.
  4. Sie verursachten mir großen Ärger, da ich zu einer Gratwanderung gezwungen war zwischen einem respektvollen Verhalten Ihnen gegenüber in der Öffentlichkeit einerseits und dem Vermeiden bzw. Abblocken Ihrer Avancen andererseits.

Ich sollte es nicht nötig haben, mich zu ändern, um ein professionelles Gespräch führen zu können. Ich bin weiblich und ich sehe weiblich aus. Sie sollten genug Selbstdisziplin aufbringen können, um damit zurecht zu kommen. Das sollte nicht mein Problem werden.

In Zukunft werde ich mir Gesprächspartner aussuchen, die mir Respekt entgegenbringen, und Menschen wie Sie, mit einem einspurigen Verstand, werden Gelegenheiten für Austausch verpassen. Tun Sie mir den Gefallen und schreiben Sie auf Ihr Namensschild bei der nächsten Konferenz: „Frauen sind für mich nur Objekte. Behandeln Sie mich entsprechend.“

Nach diesem unheimlichen Abend war ich enttäuscht und frustriert. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich das Erlebte verarbeitet hatte. Sie haben mein Vertrauen und meinen Respekt verloren. Ihr Verhalten hat meine Abwehrmechanismen noch verstärkt, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann. Ich werde wachsam auf das erste merkwürdige Kompliment oder den ersten merkwürdigen Kommentar achten, und sollte dies von einem Kollegen kommen, werde ich mich auf dem Absatz rumdrehen und mir jemanden suchen, der bereit ist, beim Thema zu bleiben.

Abschätzige sexistische Flirts wünscht sich keine Frau in einer professionellen Umgebung. Wir arbeiten hart, um dahin zu kommen wo wir sind, und wir haben es nicht nötig, in Ihre Fantasiewelt heruntergezogen zu werden, und wir werden uns auch nicht ziehen lassen.

Ihr Verhalten hat mich darüber hinaus dazu angeregt, über diesen Vorfall zu bloggen, damit auch andere Frauen wachsam bleiben. Wir sollten eine Schwarze Liste herumgehen lasssen mit Namen von Wissenschaftlern, die gemieden werden sollten. Auf meiner Liste stehen schon ein paar von Ihnen. Das ist sehr bedauerlich. Ich träume von einer Welt, in der Ihre wirkliche Tochter sich noch nicht einmal vorstellen kann, dass ihr solche Dinge jemals in einer professionellen  Situation passieren könnten. Bis dahin werde ich mein Bestes tun, derartige Verhaltensweisen sowie Strategien, mit Männern wie Ihnen angemessen umzugehen, bekannt zu machen.

Es wäre schön, wenn Sie mich dabei unterstützen würden, die Welt zu einem besseren Ort für alle Arten von Wissenschaftlern zu machen und nicht zu einem schlechteren. Mit jedem Wort, das Sie sagen, treffen Sie Ihre Entscheidung. Entscheiden Sie beim nächsten Mal neu.

3 Comments


  1. s.
    Jul 23, 2013

    Hallo,

    schön das ein so wichtiges Thema angesprochen wird, schade, dass es irgendwie einen faden Beigeschmack hat das so ein verhalten woanders okay wäre…

    „Sbschätzige sexistische Flirts wünscht sich keine Frau in einer professionellen Umgebung“

    Die Wünsch ich mir weder auf der Arbeit, noch im Seminar und auch nicht in einer Bar… denn da sind solche Sprüche auch nicht witzig, sondern genauso sexistisch und grenzüberschreitend wie auf der Arbeit.


  2. D
    Aug 27, 2014

    Liebe Frau Hofmeister,

    dieser Blogeintrag macht wütend. Wütend, weil sich besagter Wissenschaftler absolut ekelhaft verhalten hat und sich in seinem Tun scheinbar auch noch sehr sicher fühlte. Solche Situationen sind, wie ich meine, fast jeder Frau die in Politik, Wissenschaft, Ehrenamt oder sonstwie beruflich in Kontakt mit Männern kommt, die ihr gegenüber eine gewisse Machtposition haben, bekannt. Wie Sie sich dabei gefühlt haben und dass Sie sehr verunsichert gewesen sein müssen, kann ich sehr gut nachvollziehen. Und in diesem Zusammenhang kann ich auch ihr (nicht)-Handeln in der akuten Situation verstehen. Was ich jedoch nicht verstehen kann, und was mich ebenso wütend macht, sind Ihre Schlussfolgerungen daraus. Wenn Sie schreiben „Sie verursachten mir großen Ärger, da ich zu einer Gratwanderung gezwungen war zwischen einem respektvollen Verhalten Ihnen gegenüber in der Öffentlichkeit einerseits und dem Vermeiden bzw. Abblocken Ihrer Avancen andererseits.“ dann frage ich mich, warum zur Hölle Sie zu einem respektvollen Verhalten gezwungen waren? In solch einer Situation hat der Herr jegliches Recht auf respektvollen Umgang verloren und so sollte auch er es sein, der sich Sorgen um seine wissenschaftliche Reputation machen sollte, wenn Sie auf sein Verhalten entsprechend reagieren. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage nicht, dass Sie in irgendeiner Art und Weise hätten handeln sollen, denn dafür ist die Situation eine emotional viel zu schwierige. Doch wenn es darum geht zu reflektieren und Konsequenzen daraus zu ziehen, sollte man doch eher dazu auffordern, so etwas direkt anzusprechen und dies unter Umständen auch von KollegInnen einzufordern die das mitkriegen. Niemand hat das Recht ein sexistisches Arschloch zu sein, daran ändern auch seine wissenschaftlichen Leistunge nicht im Geringsten etwas. So wäre auch die Nennung des Namens nicht verwerflich, und weitaus konsequenter als eine defensive „Blacklist“. Wie gesagt, es geht nicht darum, das Handeln von „Betroffenen“, wie in diesem Fall Ihnen, zu bewerten, denn ich habe vollstes Verständnis dafür, dass auch Sie ihre Karriere nicht gefährden möchten und tief verunsichert waren. Aber es sollte darum gehen, eine starke und ja auch laute Position als WissenschaftlerInnen (bzw. ebenso in anderen Feldern) einzunehmen, die solches Verhalten in keinster Weise duldet, sondern ans Licht bringt und schärfstens sanktioniert. Dass sich diese Männer (bzw. zum Teil mag es auch Frauen geben, die sich so verhalten) eines gewissen Schutzraumes sichern sein können, ist unerträglich. Finden Sie nicht auch?


  3. Heather Hofmeister
    Sep 01, 2014

    Danke für Ihr Feedback!
    „dann frage ich mich, warum zur Hölle Sie zu einem respektvollen Verhalten gezwungen waren? ….Dass sich diese Männer (bzw. zum Teil mag es auch Frauen geben, die sich so verhalten) eines gewissen Schutzraumes sichern sein können, ist unerträglich. Finden Sie nicht auch?“

    Ja, ich find auch, es ist unerträglich. Ich denke als Soziologin, was wir im System, in den Strukturen, anders machen müssen, damit solche Menschen Schutzraum für ihre unmögliche Verhalten nicht geniessen können. Individuelle Lösungen für einzelne Frauen (oder Männer, die so konfrontiert sind) sind auch anscheinend nötig, aber nicht genug.
    Warum ich für mich höflich bleiben müsste: Meine eigene Sozialisation hat mich nicht darauf vorbereitet, schlagfähig in diesem Fall zu sein. Ich hatte keine greifbare Werkzeuge in der Situation anders zu handeln als professionell und höflich zu bleiben. Vielleicht müssen wir junge Frauen beibringen, wie sie erwidern können. Ein wichtiger erster Schritt ist überhaupt zu kommunizieren, offen und klar, was passieren kann, und warum es problematisch ist, und das mache ich hier durch diesen Blog. Danke für Ihr Beitrag dazu!
    Heather Hofmeister

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