Die feudale Leibeigenschaft: das letzte Kapital der „Einzigartigkeit des deutschen Wissenschaftssystems — meine Innen- und Außenperspektive”

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Am 9. Januar 2013 habe ich einen Vortrag an der Ruhr-Universität Bochum bei der “Meet the Female Faculty: Wissenschaftlerinnen an der RUB 2013″ Veranstaltung gehalten. Hier präsentiere ich den letzten Teil meines Vortrags, “Die Einzigartigkeit des deutschen Wissenschaftssystems — meine Innen- und Außenperspektive”.

Es gibt auch eine Kehrseite des Lehrerverhältnisses, und das bringt uns zum oben erwähnten Thema „Gehorsam“, der letzten der drei Besonderheiten des deutschen Systems. Wir hatten das Priestertum, das Lehrverhältnis und nun – wie ich es nenne…

Die feudale Leibeigenschaft

Als ich neu in Deutschland als Postdoc angefangen habe, ich hielt mich für unabhängig, entsprechend einem amerikanischen „assistant professor“. Mein Chef betrachtete mich als seine deutsche Mittelbauangestellte. Eine den Doktorandinnen des Teams stellte es klar – bzw. klärte mich auf – indem sie mir erklärte, dass ich ihm Loyalität und Dankbarkeit schuldig sei – das würde von mir erwartet. Es war seine Stelle, sein Computer, sein Schreibtisch, seine Mitarbeiter, sein Forschungsthema und auch ich gehörte ihm. In dem Moment dachte ich: es ist ein feudales System! Na klar!

Daher gebe ich ihm Loyalität und Dankbarkeit und er gibt mir dafür Schutz vor anderen Feudalherrren und den wissenschaftlichen Boden, den er mir erlaubt zu bearbeiten.

Das Feudalsystem in Europa wurde aus gutem Grund abgeschafft – z. B. durch Revolutionen. Das System beinhaltet Möglichkeiten für Missbrauch. Das Gleiche gilt für die Wissenschaft. Es gibt Gründe für viele Absolventinnen und Doktorandinnen in die USA zu gehen – um dem feudalen System zu entkommen. Um unabhängiger zu sein. Die Frage, ob dieses deutschen System erträglich ist oder nicht hängt in hohem Maße vom Feudalherrn ab – ich meinte natürlich vom Betreuer/in oder Chef/in.

In den USA wird ein Absolvent oder eine Absolventin zu einem Programm zugelassen. Innerhalb des Programms besteht Wahlfreiheit unter den Betreuern an der Institution. Die besten Hochschulen haben große Abteilungen mit einer großen Auswahlmöglichkeit. Kleinere Abteilungen bieten oft gar keine Promotion an, weil eine so geringe Auswahl an Themen und Betreuern gegenüber den Studierenden unfair erscheint. Es ist der Normalfall, unter 20-40 Betreuern wählen zu können – d. h. unter Professoren und Professorinnen eines bestimmten Themenbereiches, zu dem sie für ihre weiterführende wissenschaftliche Arbeit aus einem Pool von Bewerbern zugelassen wurden. Das System hat eine leistungsorientierte, meritokratische Note. Nur die Höchstqualifizierten Absolventinnen und Absolventen bekommen einen Platz. Und diese entscheiden dann, mit wem sie arbeiten wollen. Die potentiellen Betreuer und Betreuerinnen möchten attraktive Konditionen anbieten, so dass die besten Kandidatinnen und Kandidaten mit ihnen arbeiten möchten. Wenn ein Betreuer-Doktorandinnen-Verhältnis nicht funktioniert, dann kann die Doktorandin einen anderen Betreuer oder Betreuerin wählen. Praktisch kein Professor oder Professorin hat die Freiheit, Personen nach seiner oder ihrer Wahl einzustellen. Das bedeutet, dass Promovierenden in den USA den Vorteil der Wahlfreiheit haben, in Deutschland sind es die Professorinnen und Professoren.

Ein Promotionsstelle dauert nur eine begrenzte Zahl an Jahren, eine Professur hingegen 15 Jahre oder mehr. Was würden Sie lieber wählen dürfen – Ihren Betreuer oder Betreuerin, oder Ihre wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen / Promotionsmitarbeiterinnen? Ihre Antwort auf diese Frage sagt viel darüber aus, wo Sie sich in Bezug auf Ihre wissenschaftliche Karriere wohler fühlen würden: In Deutschland oder in den USA.

Ein anderer Vorteil des „feudalen Systems“ in Deutschland für Promovenden ist es, das der „Feudalherr“ dem Promovenden einen Arbeitsplatz verfügbar machen muss. Amerikanische Promovierenden haben keinen Anspruch auf Schreibtisch und Computer.  Ebenso bezahlte Urlaubstagen oder eine Rente. Darüber hinaus wird ein deutscher Promovend mit einer bestimmten „Markenzeichen“ des betreuenden Professors assoziiert, da dessen Lehrstuhl einen kleinen „Betrieb“ darstellt mit eigener Identität, Integrität und einer eigenen inneren Logik.

Für Frauen in Deutschland bedeuten das Lehrverhältnis und die feudale Leibeigenschaft jedoch, dass aufgrund der engen Bindung an den Betreuer – der stastisch gesehen höchstwahrscheinlich ein männlicher ist – dieser viel mehr über ihr Leben zu bestimmen hat und über ihre Chancen, in der Wissenschaft weiter zu kommen, beziehungsweise Unterstützung für die nächsten Phasen in ihrer Karriere zu erhalten.  Jedenfalls im Vergleich mit Frauen an amerikanischen akademischen Institutionen, wo die Bindung an den Betreuer viel schwächer ist.

Wenn in den USA eine Doktorandin oder Postdoc schwanger wird, dann geht der Betreuer davon aus, dass sie vielleicht maximal ein paar Monate weg sein wird, aber nie einige Jahre. Der Betreuer verliert dabei keine Zeiten von hart erkämpften Stellen eines Stellenplans, da die Stellen im allgemeinen an die Kohorte der Studierenden des Jahrgangs gegeben werden. Daher wird dies selten irgendwie persönlich aufgenommen. Ein amerikanischer Professor überträgt auch weniger verantwortungsvolle Aufgaben an seine Predocs and Postdocs – so ist es zum Beispiel nicht üblich, Prüfungsbewertungen, Journal Reviews, Zeitschriftenartikel, Seminarleitung etc. an AbsolventInnen oder DoktorandInnen zu delegieren. Daher wird die Abwesenheit einer jungen Mutter oder eines jungen Vaters über ein paar Wochen oder Monate für den betreuenden Professor nicht gleichermaßen als Erhöhung des eigenen Arbeitsaufkommens empfunden, wie es in Deutschland der Fall sein kann.

Es gibt sicherlich etliche weitere Aspekte, bei denen sich die beiden Systeme unterscheiden, und sicherlich haben viele unter Ihnen ihre eigenen Erfahrungen in Deutschland oder den USA gemacht, die mit meinen Beobachtungen übereinstimmen oder nicht. Mit meinen Beobachtungen möchte ich die drei Aspekte hervorheben, die das deutsche System für einen Amerikanerin oder einen Amerikaner so einzigartig machen:

  • das Priestertum der kinderlosen Akademikerinnen,
  • das System des Lehrverhältnisses, in dem die nächste Generation in einer Vielzahl von Aufgaben geschult wird, und
  • die feudale Leibeigenschaft, die die Menschen in Abhängigkeit von einem bestimmten Betreuer im Austausch gegen Schutz und Protektion innerhalb des Systems hält.

Gegenstand einer fruchtbaren Diskussion sollte meiner Meinung nach die Frage sein, wie wir die Vorteile des Lehrverhältnisses behalten und gleichzeitig den möglichen Missbrauch des feudalen Systems vermeiden können.

Und natürlich, wie wir das Priestertum in einen Garten verwandeln können, einen Ort, in dem eine Vielzahl von Lebensentwürfen, Lebensverläufen und Familien blühen können. Diese Vielfalt würde wiederum mehr talentierte Menschen anziehen, würde dafür sorgen, dass sich Wissenschaftler willkommen und wohl fühlen und die kreative Atmosphäre schaffen, die der Funke aller wissenschaftlichen Leistungen ist.

Ich glaube, dass unsere Strukturen in großem Maße unsere Chancen im Leben bestimmen. Und ich glaube auch, dass die Strukturen, da sie von uns geschaffen sind, auch durch uns verändert werden können, wenn wir das wünschen. Das beginnt damit, dass wir sie erkennen. Ich hoffe, dass Sie heute Abend etwas Neues in den Strukturen entdeckt haben und ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion. Vielen Dank.

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