Die Einzigartigkeit des deutschen Wissenschaftssystems — meine Innen- und Außenperspektive, Teil II

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Am 9. Januar 2013 habe ich einen Vortrag an der Ruhr-Universität Bochum bei der “Meet the Female Faculty: Wissenschaftlerinnen an der RUB 2013″ Veranstaltung gehalten. Hier präsentiere ich den zweiten Teil meines Vortrags.

Ich möchte Ihnen ein wenig Hintergrundinformation darüber geben, wie ich hier gelandet bin. Jeder fragt sich, und die meisten nehmen einfach an, dass ich einen ‚Herrn Hofmeister‘ geheiratet habe und daher hier in Ermangelung einer Alternative gelandet bin! Es scheint jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen zu liegen, dass das Leben einer Frau in einem fremden Land ihrer eigenen Entscheidung entspricht und nicht durch die Anwesenheit eines Mannes bestimmt ist.

Es war nicht aufgrund eines Mannes. Es war sogar teilweise, WEIL es keinen gab.
Das ist eine Frage, über die es sich vielleicht lohnt, nachzudenken: In welchem Maße hängt die Mobilität von Frauen – grenzüberschreitende, karrierewechselnde Mobilität – davon ab, dass sie KEINE partnerschaftlichen Verpflichtungen hat?
Männer ziehen um und bringen ihre Partnerinnen mit. Frauen ziehen um und — der Mann hat oft auch eine wichtige Position und bleibt zurück oder geht selber irgendwohin, wo es interessant für ihn ist. Es ist äußerst selten, dass eine Akademikerin den Luxus eines “hinterherziehenden Ehepartners” hat. Männliche Akademiker hingegen haben das oft.

Aber es gibt neben der Präsenz eines Partners noch viele Aspekte, die im Lebensverlauf eine Rolle spielen. Es ist die persönliche Biographie zusammen mit der Geschichte. Diese schneidet mit dem menschlichen Handeln des Individuums – was kann der Mensch zu diesem Zeitpunkt tun, welche Ressource hat er oder sie. Es ist die Mischung all dieser Dinge, zusammen mit dem entscheidenden TIMING.

Es war im Jahr 2001. Ich hatte gerade meine Dissertation an der Cornell Uni beendet und meiner Betreuerin zum Lesen gegeben, hatte soeben eine 9-monatige Stelle an einem örtlichen College angetreten und angefangen, Stellenbewerbungen für „tenure track assistant professor positions“ (Juniorprofessur) zu schreiben – vor allem an der Ostküste.

Meine Betreuerin hatte zwei ihrer Doktorandinnen – eine davon war ich – in vorausschauender Weise zu einer Konferenz in Deutschland eingeladen. Es war die Schlusskonferenz eines wichtigen Sonderforschungsbereichs in Bremen in unserem Forschungsschwerpunkt. Viele bekannten Namen unseres Fachgebiets würden da sein und da ich auf der Suche nach einer Stelle war, schien es eine gute Gelegenheit für Netzwerkarbeit zu sein. Konferenzdatum: 21. September 2001. Das in das Bewusstsein aller heute lebenden Amerikaner eingebrannte Datum: 11. September 2001.

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schafften es nicht zur Konferenz; nur eine Handvoll Amerikanerinnen und Amerikaner kam. Die Deutschen waren freundlich, boten Unterstützung und Verständnis für alle, die gekommen waren. Ich hatte keine Angst vor dem Flug, aufgrund der Logik, dass die Flugzeuge nach dem 11. September sicherer waren als davor. Von den bekannten Größen, die aus Amerika gekommen waren, sprachen mich drei wegen einer Postdoc-Stelle in den USA an, von den anwesenden Deutschen zwei. Infolge der Konferenz kam ein Angebot zustande und wurde konkret von den anderen – es war dasjenige bei Hans-PeterBlossfeld, damals an der Universität Bielefeld. Er nutzte in der Forschung eine international vergleichende Perspektive, die ich damals nicht hatte. In unserem Gesprächen über den Job meinte er, ich können das ja lernen und er benötige meine amerikanische Perspektive: ich würde in dem gemeinsamen Projekt verantwortlich sein für die amerikanische Analyse.

Jetzt stellen Sie sich bitte die Situation vor:
Ich war in einer auf 9 Monate befristeten Stelle, 28 Jahre alt. Ich hatte einen Hund. Ich spielte damals schon Harfe und besaß 3 große Instrumente. Ich hatte noch nie in Europa gelebt, war vor der Konferenz ein einziges Mal da gewesen. Ich hatte in der Schule zwei Jahre Deutschunterricht gehabt, was es mir ermöglichte, einfache Dinge zu äußern, aber nicht, irgendetwas zu verstehen. Die Entscheidung, alles zurückzulassen, einen Hund und drei Harfen mitzunehmen, mich auf das Risiko dieser Post-doc-Stelle und einen neuen Chef einzulassen, in einem Land zu leben, dessen Sprache ich nicht sprach, war nicht leicht zu treffend.
Aber folgende Gedanken kamen mir:

  1. Eine dreijährige Stelle in Deutschland ist länger als eine einjährige in den USA.
  2. Ich bin Single. Also nutze den Tag!
  3. Wenn ich die Gelegenheit nicht ergreife, werde ich mich immer fragen, was passiert wäre, wenn ich es getan hätte. Ich möchte nicht damit leben, einer vertanen Chance nachzutrauern.
  4. Ich bin so neugierig darauf wie es ist, in Europa zu leben.
  5. Ich bin mir sehr darüber bewusst, was es bedeutet, in den USA zu leben, und der Klang der Kriegstrommeln wird zunehmend hörbarer.

Im Juni 2002, im Alter von 29 Jahren, kam ich nach Deutschland und begann meine Postdoc-Stelle.
Im Juli 2002 entschied mein Chef, mit seinem ganzen Team von Bielefeld nach Bamberg zu gehen.
Im Oktober 2002 was es für mich klar, dass ich mich in Europa verliebt hatte.
Im März 2003 hatte ich mich entschieden zu bleiben und eine akademische Karriere anzustreben.
Bis 2004 hatte ich mich mehrfach erfolglos für Professuren beworben.
Ab 2006 wurde ich häufiger eingeladen, Vorträge zu halten.
2007 bekam ich das erste Professurangebot, in Soziologie mit Schwerpunkt Gender Studies an der RWTH Aachen, welches ich annahm.
2008 bot man mir die erste Prorektorinnen-Stelle für Personal und wissenschaftlichen Nachwuchs an der RWTH Aachen an, das erste Mal, das eine Frau ins Rektorat der RWTH gewählt wurde
Drei Jahre später nahm ich das Angebot der Professur für Arbeitssoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main an, wo ich seit 2011 mit Freuden arbeite.

Zwischendrin habe ich auch ein Privatleben gehabt, erlebte große Hoffnungen und ebensolche Enttäuschungen. Kurz gesagt, ich habe mein Leben gelebt, nicht nur in der Wissenschaft. Momentan bin ich damit beschäftigt, mich um die Pflege meiner Eltern zu kümmern, die der sogenannten Dritten Lebensphase entgegen sehen, was im US-amerikanischem Kontext den Menschen viel verletztlicher und hilfloser zurücklässt, als das in Deutschland der Fall wäre.

Dies sind ungewöhnliche Dinge für einen “wissenschaftlichen Vortrag”, aber ich denke, unter uns ist es vor allem wichtig, dass wir echt sind. Wir haben nichts dabei zu verlieren, wenn wir authentisch, ehrlich und geradeheraus mit den Herausforderungen und Forderungen gegenüber Frauen umgehen. Echte Frauen Vorreiter der Wissenschaft in einer der führenden Wissenschaftsnationen. Es ist anspruchsvoll. Aber es gibt spezielle Aspekte, die es einzigartig und manchmal auch lohnend machen…. (to be continued)

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