Der König, Aschenputtel und das Dilemma der 168 Stunden: Arbeit und Freiraum aus Geschichts- und Lebenslaufperspektive

Post in: Englisch

Aus: Hofmeister, Heather 2012. Der König, Aschenputtel und das Dilemma der 168 Stunden: Arbeit und Freiraum aus Geschichts- und Lebenslaufperspektive, in Jeschke, Sabina u.a. (Hg.) Arbeit im Wandel. Trends und Herausforderungen der modernen Arbeitswelt. Berlin: Lit-Verlag, 13-16.

 

Ich schreibe dies an einem verschneiten Februarmorgen in meinem Heimbüro. Das Thema „Arbeit im Wandel“ lädt mich dazu ein, über die Zukunft der Arbeit und im Umkehrschluss wiederum über ihre Vergangenheit nachzudenken. Die Aufgabe lautet, über Arbeit nachzudenken, und ich beschließe, meinem Bauchgefühl zu folgen – wie empfinde ich zum Thema Arbeit? Und schließlich – was ist Arbeit? Los geht’s. Als Anschauungsobjekt dient die Textproduktion.

Revolutionäre Umwälzungen in der Textproduktion

Befänden wir uns im Jahr 1700 und ich wäre ein professioneller Autor, dann wäre ich ein Mann und schriebe zuhause mit Tinte und Papier. Ich hätte den Luxus, mich zu konzentrieren, weil sich Bedienstete um den Haushalt und die Kinder kümmern würden. Befänden wir uns im Jahr 1900, wäre ein professioneller Autor immer noch ein Mann, der in einem Büro per Hand schriebe. Schrieben wir das Jahr 1950, würden meine Sekretärin oder ich das Manuskript vielleicht in einem Büro tippen. Heute, im Jahr 2012, bin ich eine Frau (revolutionär), die wieder zuhause arbeitet (revolutionär), allerdings ohne Bedienstete (revolutionär). Stattdessen machen ein im hohen Maße differenzierter Arbeitsmarkt und mein eigenes Zeitmanagement sowie moderne Technologien die Haushaltsführung irgendwie möglich (revolutionär). Die Technik ermöglicht es mir beispielsweise, diesen Beitrag von zuhause aus zu schreiben, zu überarbeiten und sofort zu verschicken.

Der Mensch ist keine Produktionsmaschine

Was für eine privilegierte Arbeitssituation! Ich sitze zuhause und halte Gedanken in einem schön formatierten Dokument fest, neben mir eine Tasse Tee und unter dem Schreibtisch der Hund, während draußen der Schnee fällt. Andererseits nimmt die Arbeit nie ein Ende. Niemand begrenzt meine Arbeitsstunden. Unaufhörlich gehen neue Anfragen, Forderungen, Chancen und Drohungen in meinem Postfach ein. Ich könnte endlos viel Zeit auf jede einzelne meiner Pflichten verwenden, eine herausragende Lehrerin, Forscherin und Verwalterin zu sein. Kollegen schicken rund um die Uhr E-Mails. Ich muss die enorme Zeit, die diese Art der Arbeit beansprucht, auf ganz persönliche Weise organisieren und kann allein mir selbst die Schuld geben, wenn dies misslingt. So geht es vielen Arbeitnehmern. Die Woche hat für uns alle nur 168 Stunden. Einige davon müssen wir auf die Tatsache verwenden, dass wir nicht als Produktionsmaschinen geboren wurden. Auch unser körperliches, soziales und spirituelles Ich muss in jeder Hinsicht genährt werden – sonst sterben wir. Die moderne Erwerbsarbeit ignoriert diese Bedürfnisse jedoch erbarmungslos. Wir passen unser Privatleben an: Wir verzichten auf Kinder oder schieben sie auf. Wir importieren Arbeiter, die sich um unsere Angehörigen kümmern. Wir ziehen der Arbeit wegen in einen anderen Teil der Welt und belasten damit Verwandtschaftsbeziehungen und ortsgebundene Identitäten. Wir essen im Gehen, bekommen zu wenig Schlaf und tun uns schwer, Zeit für Sport zu finden. Wir verlernen, tief einzuatmen, abzuschalten und unsere Umgebung wahrzunehmen. Leerräume füllen wir mit eifrigem Konsum. Wir stellen die Arbeit so gut wie nie in Frage und geben stattdessen uns selbst die Schuld an unserem Versagen. Was sagen diese Veränderungen darüber aus, wie sich die Arbeit in unser Leben einfügt oder vielmehr darin überhandgenommen hat?

Wir erleben eine Arbeitssituation, die die Werte der industriellen Revolution im Rahmen einer technologischen Revolution, welche die Arbeit von zeitlichen und örtlichen Beschränkungen löst, weiter tradiert. Mit bisweilen ungesunden Folgen für die Menschen. Die körperlichen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse des Menschen waren im Laufe der Geschichte stets ein integraler Bestandteil der Gesellschaftsstruktur. Jede Kultur reservierte Tage zum Ausruhen und Feiern, schätzte und regelte Beziehungen zwischen Menschen und innerhalb von Gesellschaften, traf Regelungen für die Pflege der nächsten Generation und der Alten. Manche Dinge gehören zum Menschsein eigentlich dazu, fügen sich jedoch nicht in das moderne kommodifizierte Verständnis von Arbeit und haben im idealisierten modernen Arbeitstag, in der Arbeitswoche – oder gar im Arbeitsleben – keinen rechtmäßigen Platz mehr.

Auswirkungen auf die Arbeitsgestaltung

Eigentlich gibt es vier Arten von Arbeit, die alle unverzichtbar sind. Zum einen gibt es die Erwerbsarbeit, die sich heutzutage als König aufführt und ihren Tribut in Form eines Großteils der Wachstunden und Jahre des Menschen fordert, soziale Identität stiftet, von männlichen Lebensläufen geprägt ist und immer gieriger wird, wodurch den anderen Arbeitsarten immer weniger Krümel übrig bleiben. Dann gibt es zum anderen die unbezahlte Arbeit, sich selbst und seine Umgebung sauber und instand zu halten und zu pflegen; das unsichtbar vor sich hin arbeitende Aschenputtel, dessen Fehlen sich jedoch deutlich bemerkbar macht, wenn es seinen Platz verlässt, um mit dem König tanzen zu gehen – oder gar selbst zum König aufzusteigen. Die dritte Art der Arbeit ist die der Familienpflege, das Unterhalten und Pflegen von Verwandtschaftsbeziehungen, das oft gar nicht als Arbeit anerkannt wird. Findet es jedoch nicht statt, gibt es kein soziales Netzwerk, das uns im Notfall auffängt oder uns an unsere Menschlichkeit erinnert. Die vierte Art der Arbeit ist Bildung, die früher der jungen Generation zugeordnet wurde, für die Langlebigkeit des Geistes jedoch unentbehrlich ist. Eine nachhaltige Arbeitsgestaltung schafft Raum für alle vier Arten der Arbeit und erkennt an, dass Menschen auch Regeneration benötigen und sich selbst finden müssen, also Raum jenseits der Arbeit benötigen.

Ein Teil unserer steigenden Produktivität muss deshalb dazu genutzt werden, unser Leben zurückzukaufen anstatt größere finanzielle Gewinne zu erzielen. Zeit- und Aufgabenmanagement über den gesamten Lebenslauf und über Geschlechterunterschiede hinweg ist deshalb ein wichtiges öffentliches Thema. Eine Arbeitsteilung, wie wir sie derzeit betreiben, stellt eine Verschwendung von Humanressourcen dar. Eine Arbeitsteilung, bei der vor allem Männer der königlichen Erwerbsarbeit nachgehen, schadet der Gesundheit von Männern und Kindern. Indem sich Frauen auf die unbezahlte Aschenputtel-Arbeit und Familienpflege spezialisieren, steigt ihr Armutsrisiko und die Welt der Erwerbsarbeit wird um die Talente von Frauen beraubt. Die Annahme, die gesamte Bildung müsse in den ersten 25 oder 30 Lebensjahren erfolgen, führt die Gesellschaft in den Ruin, da potentielles Talent auf dem Abstellgleis der Arbeitslosigkeit landen. Wir müssen über den gesamten Lebenslauf hinweg in Bildung investieren, hektische und ruhige Phasen in einer Arbeitsbiografie zulassen, jeden dazu einladen, sich an allen vier Formen der Arbeit zu beteiligen, und Räume für das Leben jenseits der Arbeit lassen – Freiräume.


Hofmeister, Heather 2012. Der König, Aschenputtel und das Dilemma der 168 Stunden: Arbeit und Freiraum aus Geschichts- und Lebenslaufperspektive, in Jeschke, Sabina u.a. (Hg.) Arbeit im Wandel. Trends und Herausforderungen der modernen Arbeitswelt. Berlin: Lit-Verlag, 13-16.

One Comment


  1. Leonie
    Nov 12, 2012

    Liebe Frau Dr. Hofmeister,
    ich bewundere ihre Arbeit sehr und bin ein treuer Leser.
    Haushalt, Familie und Arbeit zu vereinen ist nicht einfach.
    Danke für den tollen Text!

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