Weihnachten als „kin-work“ – und das Gegenteil davon

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Ich schreibe dieses Blog zu Ehren von all denen, die Weihnachten mit der aktiven, anstrengenden, wichtigen Arbeit des „kinkeeping“ („Verwandtschafts-Beziehungspflege“) verbringen und für all jene, die diese „heiligste“ Familienzeit des Jahres aus unterschiedlichsten Gründen alleine verbringen.

Meine Studierenden waren anfangs schockiert, als ich das Konzept des „Kinkeeping“ oder „kin-work“ als eine dritte Form von Arbeit vorstellte, neben bezahlter und unbezahlter Arbeit (Haushalt und Kinderversorgung). Anthropologen, und hierunter Micaela di Leonardo (1987) identifizierten „kinkeeping“ als Arbeit in den 1980ern. Kin-work ist innerhalb der Arbeitssoziologie weitgehend unberücksichtigt geblieben, wahrscheinlich aufgrund der Tatsache, dass kinkeeping eine stark weiblich dominierte Arbeit ist, während die Arbeitssoziologie über Jahrzehnte hinweg männlich dominiert war. Aber wer jemals Weihnachtsgeschenke von einer langen Liste eingekauft hat, Besuche organisiert, Geburtstage von Freunden berücksichtigt, Weihnachtskarten verschickt und die Übersicht über erhaltene Karten behalten, wer Festtage vorbereitet, organisiert und durchgeführt hat mit allen logistischen und emotionalen Komponenten, der weiß genau, was „kin-work“ ist. Und genau wie bezahlte und auch unbezahlte Arbeit Spaß machen kann, so kann auch „kin-work“ Spaß machen – aber nicht notwendigerweise. Aber sie muss getan werden.
Kin-work war innerhalb der Arbeitssoziologie bislang weitgehend unberücksichtigt und unsichtbar.

Die Radiomoderatoren sind voller emotionaler Geschichten darüber, wie wichtig es ist, Weihnachten zuhause mit der Familie zu verbringen. Ich frage mich, ob damit jene Menschen trösten wollen, die auf dem Weg zu ihrer Familie stundenlang im Stau stehen, oder vielleicht auch jene Menschen, die ihr Zuhause für den kommenden Ansturm des Familienchaos vorbereiten, oder vielleicht als Teil der allgemeinen Vorstellung, was Weihnachten sein sollte. In Deutschland sollte heute abend um 6 Uhr tunlichst jeder dort sein, wo er er hingehört, und sich einrichten auf ein nettes Glas Glühwein zwischen Kerzen und glitzerndem Weihnachtsbaum. Und mit der Familie. Insbesondere nach Ansicht der Radiomoderatoren. Wen nicht: wo bist du? Wer bist du?

Soziologen und Anthropologen bezeichnen Rituale als wichtige Mittel zur Bestätigung von Gruppenzugehörigkeit und Fortbestand. Weihnachten ist eines der wichtigsten Zugehörigkeitsrituale des Jahres. Mir ist aufgefallen, dass Weihnachten, in Deutschland vor allem Heilig Abend, dazu dient, die Mitgliedschaft in der Ursprungs-Kernfamilie zu bestätigen. Viele Paare, selbst solche, die schon seit Jahren zusammen leben, gehen Heilig Abend getrennte Wege, so dass jeder von ihnen die Zeit mit der eigenen Ursprungsfamilie verbringen kann. Es ist fast so, als müssten wir die neuen Zusammengehörigkeitssysteme, die wir uns als Erwachsene schaffen, verlassen, um an diesem einen Abend neu zu bestätigen, wo wir herkommen und dass wir dort noch immer hingehören, auch wenn es nur für einen Abend im Jahr ist.Weihnachtsrituale bestätigen die Zugehörigkeit zur Kernfamilie.
Die Hauptausnahme zu diesem Gesetz von der Rückkehr zur Ursprungsfamilie scheint dann der Fall zu sein, wenn eine Person oder ein Paar selber Kinder hat. Plötzlich bedeutet die Existenz eigener Kinder, dass es eine neue Kernfamilie gibt, deren Zugehörigkeit bestätigt werden sollte. Großeltern können als geladene Gäste oder auch als Gastgeber einbezogen werden, aber sie erfüllen dann die Rolle der Unterstützung der Eltern-Kind-Gruppe.

Mir fällt hier auf, dass Weihnachten, viel mehr als jede andere Festzeit, eine Zeit ist, in der Kinder gebraucht werden, um Familienbeziehungen zu definieren. Vor einigen Jahren stellte ich fest, dass es zu Weihnachten in diesem Sinne darum geht, entweder Kind oder Elternteil zu sein. Wenn man zu Weihnachten nicht für seine eigenen Eltern die Rolle des Kindes spielen kann, aber auch nicht die Elternrolle für jemanden spielen kann, wo gehört man dann hin?

Man kann sich an jemand anderen dranhängen, oder man triftt sich mit anderen Individuen, die weder „Kind“ noch „Elternteil“ sind. Und hier kommt der interessante Punkt: warum sind diese Menschen definiert über das, was sie während der Festtage NICHT sind? Ich denke, dass insbesondere diese Art des Fehlens einer gesellschaftlich akzeptablen Identität in einer Zeit, die durch eine Eltern-Kind-Identität definiert ist, mit ein Grund ist, dass jene, die außerhalb stehen, sich einsam fühlen. Alleinerziehende, die während der Festtage nicht die Sorge für ihre Kinder haben, alleinstehende Menschen, Menschen, die weit entfernt von ihrer Familie leben, alle sind in diesem Sinne in der gleichen Situation. Stell dir ein Elternteil von kleinen Kindern vor, der bzw. die die Festtage auch mit den eigenen Eltern verbringt. Diese Person muss gleichzeitig Grenzen der Zugehörigkeit als „Kind“ in der eigenen Ursprungsfamilie ausloten und neue Identitäten in der neuen Kernfamilie als „Eltern“ entwickeln. Ein neuer Elternteil muss gleichzeitig Grenzen der Zugehörigkeit als „Kind“ in der eigenen Ursprungsfamilie ausloten und neue Identitäten in der neuen Kernfamilie als „Eltern“ entwickeln.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Feiertage unter diesen Umständen kompliziert und anstrengend sind – so viel Emotionsarbeit, so viele Rollenerwartungen, so viele Bindungen an die Vergangenheit, die entweder bestätigt oder beendet werden, und zugleich die Verlagerung des Schwerpunkt in die Zukunft. Und das in jeder Minute. Stress ist nahezu unvermeidbar.

Theodore Caplow, Soziologe, hat 1979 eine interessante Studie durchgeführt über das Schenken zu Weihnachten als ein Beispiel dafür, wie Menschen Regeln befolgen, ohne dass diese Regeln durch irgendjemanden durchgesetzt werden (Caplow 1984). Diese Studie beschreibt die Komplexität des Weihnachtsfamilienrituals. Caplow fragt, warum wir uns alle an die Weihnachtsrituale halten, obschon es keine „Weihnachtspolizei“ gibt, die ein Nichtbefolgen bestraft. Er schließt, dass das Schenken zu Weihnachten eine eigene Sprache ist und dass Menschen die Rituale befolgen, weil sie diese symbolische Sprache von Kindheit an gelernt haben und sie nicht ignorieren können. Der symbolische Wert eines Geschenks ist groß – die Kosten, die Bedeutung, der Aufwand an Gedanken und Sorgfalt bei der Geschenkauswahl korrespondieren mit der Wichtigkeit der Beziehung zwischen Schenkendem und Beschenktem. Diese Symbole innerhalb der Familie miteinander vergleichen zu können, ermöglicht es den Familienmitgliedern Familienbeziehungs­hierarchien zu bestätigen und zu erneuern. Diese Bestätigung ist einer der Gründe, warum das Beschenken in der Gruppe stattfindet, so dass jeder sehen kann, was alle andere bekommen und wo jeder in der Hierarchie steht. Die „Heilige Ordnung“, die Caplow festgestellt hat, ist dass zuerst die Ehepartner (vor allem die Ehefrauen) die besten Geschenke bekommen, gefolgt von den eigenen Kinder – die Geschenke von gleichem Wert und Wichtigkeit bekommen müssen. Dann kommen die Eltern und Schwiegerelten, die auch gleich behandelt werden müssen, wobei Mütter vor den Vätern bevorzugt werden können – aber die eigenen Eltern nicht vor den Schwiegerelten. Die Liste geht weiter. Die Sprache des Schenkens bestätigt die Kernbeziehungen in der Familie und bestätigt meine Beobachtungen über die zentrale Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für das Weihnachtsritual, aber Caplow hebt auch die zentrale Wichtigkeit der Ehe- bzw. Partnerbeziehung hervor.

Die Vorstellung, Weihnachten alleine zu verbringen, ruft bei Menschen Mitleid hervor. Dabei tun Millionen Menschen genau das jedes Jahr, ganz in Ruhe und unbemerkt. Viele dieser Menschen sind Weihnachten alleine, weil sie während dieser Zeit arbeiten müssen, damit wichtige Infrastrukturen unter allen Umständen funktionieren und andere zu ihren Familien bzw. nachhause kommen können: zum Beispiel Arbeiter in Anlagen, die Strom, Wasser oder Heizungswärme produzieren, Polizisten, Feuerwehrleute, LKW-Fahrer, Zugschaffner und Zugführer, Piloten, Flugbegleitungspersonal, Bodenpersonal, jeder in der Reise- und Transportindustrie, der dafür sorgt, dass Motoren laufen, Sicherheitspersonal, Soldaten, Restaurantbedienung, Hotelservice. Andere arbeiten weit von zuhause und können über die Feiertage nicht nachhause kommen. Das können zum Beispiel Studenten sein, junge Arbeiter, die die geringste Priorität haben bei der Gewährung von Urlaub, Arbeitnehmer mit hohen Verantwortlichkeiten oder Abgabe- und Lieferfristen, die es sich nicht leisten können, längere Zeit ihrem Arbeitsplatz fern zu sein.

Was oft empfohlen wird (siehe unten), wenn man Weihnachten alleine ist, ist sich um andere Menschen zu kümmern, indem man zum Beispiel „Verwaiste“ aufnimmt (die Journalisten benutzen tatsächlich dieses Wort) oder ehrenamtliche Arbeit macht.
Ich gebe zu, das sind noble Ziele, die wichtig sind für eine gute Gesellschaft. Ich würde hinzufügen, dass es auch an der Zeit ist, Kontakt mit dem inneren Menschen aufzunehmen. Ich vermute, dass der innere Mensch in den meisten von uns in dieser überstimulierten modernen Welt ein großes Bedürfnis hat nach positiver Zuwendung. Ich denke, dass der Lärm des modernen Lebens – mit seinen High-Tech-Geräten, permanenter Erreichbarkeit und ständiger Statusbestätigung – viel zu viel Zeit stiehlt von unserer inneren Verbundenheit.

Ich habe einen Rat für alle, die Weihnachten nicht innerhalb der Familie unter einem Baum im Wohnzimmer verbringen. Ich glaube, dass der Unterschied zwischen diesem Weihnachtsbild und der Wirklichkeit eines einzelnen Weihnachtsfestes in unseren Erwartungen liegt. Wenn man die Erwartungen der Radiomoderatoren, der Familie oder auch die eigenen Vorstellen darüber, „wie die Dinge sein sollten“, verinnerlicht und dann anders lebt, kann Enttäuschung die Folge sein. Indem man jedoch diese Tage als ein Zeitgeschenk ansieht und intensiv überlegt: „was würde ich am liebsten mit diesem ruhigen Geschenk tun?“, dann kann man ganz neue, innovative und persönlich sehr bedeutsame Erinnerungen schaffen.
. Indem man jedoch diese Tage als ein Zeitgeschenk ansieht und intensiv überlegt: „was würde ich am liebsten mit diesem ruhigen Geschenk tun?“, dann kann man ganz neue, innovative und persönlich sehr bedeutsame Erinnerungen schaffen.
Wenn ein Baum im Wald umfällt und niemand ist dort, um es zu hören, macht das dann trotzdem ein Geräusch? Wenn du eine Kerze für dich selber anzündest und in ihrem Schein eine Tasse Tee trinkst, aber niemand da ist, um diesen Moment mit dir zu teilen, ist er dann weniger bedeutsam? Ist ein individuelles Leben nur eine Vorführung für andere oder kann es eine Erfahrung für das Selbst sein? Ist Weihnachten nur ein Ereignis, um mit anderen in Verbindung zu treten oder sie zu bestätigen oder kann dieser Moment auch genutzt wird, um mit sich selbst in Kontakt zu treten? Wann hören wir damit auf, eine Show für ein Publikum aufzuführen, und treten stattdessen auch dann auf die „Bühne“, wenn der Saal leer ist, einfach nur aus Freude am Leben? Weihnachten ist hierfür eine ungewöhnliche Zeit, aber während so viele andere damit beschäftigt sind, Geschenke einzupacken, zu verreisen, das Backen und Tischdecken zu koordinieren, kann dies doch die perfekt Zeit dafür sein. Ich wünsche allen, die zu Weihnachten mit den unterschiedlichsten „kinkeeping“-Arbeiten beschäftigt sind, eine wundervolle Zeit und eine erfolgreiche Bestätigung all dieser wichtigen Bindungen – und all jene, die sich um ein persönliches „kinkeeping“ kümmern, um eine Verbindung mit sich selbst aufzubauen, sind dabei auch in meinen Gedanken. In beiden Fällen kann das Resultat groß sein und ein Leben lang anhalten. Genieße den Weg!

 

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